Von der MID-Assistentin zur Abteilungsleiterin

Von MWIDE NRW am 02.11.2020

Zitat Digitalstrategie:

„Der [digitale]Transformationsprozess bietet branchenübergreifend und unabhängig von Unternehmensgrößen die Chance zur Weiterentwicklung bestehender und zur Entwicklung völlig neuer Geschäftsmodelle.“ (Digitalstrategie, S. 16)

Mittelstand Innovativ & Digital (MID) ist ein branchenoffenes Förderprogramm, das kleine und mittlere Unternehmen (KMU) mit Sitz in NRW dabei unterstützt, Innovationspotenziale zu entdecken und auszubauen sowie neue digitale Produkte, Dienstleistungen und Produktionsverfahren umzusetzen. Hierfür können KMU einen MID-Gutschein in Anspruch nehmen oder eine/n Hochschulabsolvent/in als MID-Assistent/in einstellen und dabei zugleich den Wissenstransfer von der Hochschule in den eigenen Betrieb gezielt nutzen. 

Susan Aschenbrenner kam 2017 als Innovationsassistentin (heute: MID-Assistentin) zu Fluxana, einer Firma am Niederrhein, die sich mit Röntgenfluoreszenzanalyse beschäftigt. Mittlerweile leitet sie dort ihre eigene Abteilung. Wie es dazu kam und welche Erfahrungen sie und ihr Chef, Rainer Schramm, mit dem Programm MID-Assistent/in gemacht haben, erzählen beide im Interview.

Herr Schramm, was macht Fluxana generell?

Rainer Schramm: Die Röntgenfluoreszenzanalyse ist eine Testmethode, die in Laboren und Firmen weltweit zur Qualitätssicherung von Produkten eingesetzt wird. Sie können sich das wie das Röntgengerät beim Arzt vorstellen, nur für Material, und man kann damit feststellen, aus welchen Elementen etwas zusammengesetzt ist. Das brauchen zum Beispiel Firmen, die mit Bodenschätzen arbeiten, also Zementindustrie, Glasindustrie, Stahlindustrie, aber auch Behörden wie der Zoll oder Kriminaltechniker. Wir selbst bauen die Analysegeräte dafür zwar nicht, bieten aber alles andere an – vom Zubehör über Dienstleistungen bis hin zu Maschinen, mit denen die Proben vorbereitet werden. Die Firma ist mittlerweile mit fünfundvierzig Mitarbeitern zu einem kleinen Expertenzentrum rund um dieses Thema geworden.

Frau Aschenbrenner, was ist Ihr Hintergrund?

Susan Aschenbrenner: Ich habe an der Hochschule Rhein-Waal Bioengineering studiert und habe mich schon früh für den Analytik-Bereich interessiert. Als ich mich dann hier bei uns am Niederrhein umgeschaut habe, welche Firmen für mich interessant sein könnten, bin ich ganz schnell auf Fluxana gestoßen und habe mich erstmal für ein sechsmonatiges Pflichtpraktikum vor der Bachelor-Arbeit beworben. Den Platz habe ich bekommen und dann konnte ich glücklicherweise auch meine Bachelor-Arbeit hier schreiben.

 

Susan Aschenbrenner

 

Herr Schramm, wie ging es dann weiter?

RS: Eine so qualifizierte zukünftige Mitarbeiterin will man natürlich auf keinen Fall wieder ziehen lassen, und wir haben überlegt, wie wir Frau Aschenbrenner halten können. In dieser Zeit war ich auf einer Messe, auf der überhaupt nichts los war, und weil ich mir regelmäßig online ansehe, welche neuen Förderprogramme es gibt, habe ich das an diesem Tag auch gemacht. So bin ich auf das Förderprogramm MID-Assistent/in gestoßen und dachte direkt: Da kann man doch was draus machen! Das Programm hat uns die Sicherheit gegeben, für zwei Jahre eine gute Fachkraft ans Unternehmen binden zu können, und hat uns diese Investition deutlich erleichtert. Der Antragsprozess selbst war dann sehr einfach, und es ging auch aus den Antragsunterlagen schnell hervor, ob man überhaupt antragsberechtigt ist bzw. wie groß die Aussicht auf Erfolg ist.

Frau Aschenbrenner, in welchem Projekt waren Sie dann konkret tätig?

SA: Das Projekt beschäftigte sich mit 3-D-Druck. Auf den ersten Blick hat das erstmal nichts mit der Röntgenfluoreszenzanalyse zu tun. Es ist aber so, dass Kunden, die zum Beispiel Kunststoffe messen wollen, das Problem haben, dass ganz wenige Standardproben für diese Kunststoffe auf dem Markt existieren. Und im 3-D-Druck wiederum gibt es furchtbar viele Materialien, bei denen man gar nicht genau weiß, was drin ist. Den Herstellern geht es ja nicht um Elementkonzentrationen, sondern um die Optik. Und wir haben quasi aus allen verfügbaren Materialien für 3-D-Drucker eine Materialbibliothek aufgebaut. Wir haben jetzt also Standardproben und wissen, aus welchen Elementen sie bestehen.

Wie sahen Ihre Aufgaben konkret aus?

SA: Ich habe zunächst gelernt, wie man einen Probenkörper am Computer designt, und getestet, welche Druckparameter man dafür braucht. Auf der messtechnischen Seite habe ich untersucht, welche Inhaltsstoffe diese Probenkörper haben, welche Elemente darin enthalten sind, und wofür sich diese Materialien benutzen lassen. Wir haben dann auch ganz schnell gemerkt, dass eine sehr große Nachfrage besteht: Häufig brauchen Kunden zum Beispiel etwas aus Kunststoff, das in einem gewissen Konzentrationsbereich Kupfer enthält, um damit ihre Messtechnik zu überprüfen. In unsere Bibliothek kann ich das jetzt direkt eingeben und nach Materialien für den 3-D-Drucker suchen, die diese Bedingung erfüllen. Und dann kann ich das natürlich direkt verdrucken, als Probenkörper in der Röntgenfluoreszenzanalyse einsetzen und dem Kunden verkaufen, der damit sein Messgerät überprüfen kann.

RS: Wir setzen im Prinzip eine komplett neue Technologie ein und haben daraus ein neues Geschäftsmodell entwickelt. Und wir sind Pionier in diesem Anwendungsbereich des 3-D-Drucks – deswegen haben wir jetzt ein Patent darauf angemeldet und spinnen die Idee immer weiter.

Wie ging es denn nach dem Projekt für Sie, Frau Aschenbrenner, und für Fluxana weiter?

RS: Wir haben mittlerweile noch einen zweiten 3-D-Drucker angeschafft und Frau Aschenbrenner hat die Kollegen angelernt, die den jetzt bedienen werden. Da ist wirklich Know-how aufgebaut worden im Rahmen des Projekts.

SA: Aus der Materialbibliothek ist auch eine neue Dienstleistung erwachsen: Wir können jetzt weltweit Schulungen und Seminare anbieten, weil wir mit dem 3-D-Drucker kostengünstige Probensätze herstellen können, anhand derer Kunden lernen können, ihre Geräte zu bedienen. Dafür haben wir eine eigene Online-Plattform aufgebaut, auf der wir verschiedene Seminare on demand anbieten. Nur, dass man nicht einfach nur ein Video anschaut, sondern mit den Proben hands on am eigenen Gerät arbeitet, ohne großes Investment für teure Probensätze oder für Reise- und Hotelkosten. Das spielt uns auch im Hinblick auf die Corona-Pandemie sehr in die Hände.

RS: Neben der neuen Plattform haben wir nun auch eine neue Abteilung, in der wir zukünftig selbst Standardproben entwickeln, wofür wir auch staatlich akkreditiert sein werden. Frau Aschenbrenner haben wir unbefristet im Unternehmen übernommen – als Leiterin der neuen Abteilung.

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