Tausche Wasser 4.0 gegen Scriptkiddie-resistente Lehrkräfte

Erstellt von Timmy Kampmann am 28.03.2021 um 21:47 Uhr

tl;dr
Die hier vorliegende Digitalstrategie.NRW ist ein wundersamer Ort, in dem auf Bäumen grenzenloser Selbstbeweihräuchelung "Blockchains für Logistik" und "Wasser 4.0" wachsen...

Man darf nicht den Fehler begehen, die Publikation als geschlossenes homogenes Konzept zu lesen; Neben dem prominent kommunizierten Motiv, hier ein Leitlinienmodell vorweisen zu können, es ist auch ein Rechenschaftsbericht (und als solcher auch relativ tauglich), sowie (vor allem) viel Wunschdenken und Allgemeinplatzhalter. Natürlich enthält das Paper kluge (aber überfällige), notwendige (aber selbstverständliche) Aufgabenstellungen - jedoch sind diese in ihrer Innovationskraft wenig erhaben.

Ich habe ernsthaft versucht, die hier vorliegende "Strategie für das digitale Nordrhein-Westfalen" in einem Tonfall der nüchternen Professionalität zu lesen und ebenso zu kommentieren; jedoch würde das bedeuten, nach den davon gesetzten und damit einhergehenden Spielregeln der »simulierten Fachkundigkeit« zu spielen - und das verhielte sich äquivalent zu der hypothetischen Spielregel, Tischtennis nur mit Himbeeren zu spielen. Da kann ich schwerlich mitmachen. Denn nachdem auf den Seiten 18-19 von "Blockchain für Logistik" (was an Weltfremde kaum zu überbieten ist) und "Wasser 4.0" (...okay, da ist die Überbietung) die Rede war, fasse ich meine Bedenken zum Dokument nun sehr unnüchtern, teils nonchalant, zusammen.

Politik hängt aufgrund ihrer bürokratischer Massenträgheit und systembedingten Einbindung in langgezogene Prozesshaftigkeiten immer der Technologie hinterher. Dann, als eine aus der gehetzten Mitläuferposition heraus hinterherhechelnde Entität, sich die Position des Brückenbauers und Pioniers auf die Fahne schreiben zu wollen, entbehrt nicht einer gewissen, sich selbst überschätzenden, egomanischen Komik. Als Aktivitätenplan wäre dies vergleichbar mit: Der Letzte will die Türe aufschließen. (Dazu später mehr.)

Der Fokus auf Blockchain ist entweder ein Symptom von Überaktionismus oder, schlimmer noch, ein offensives Bekenntnis gegen eine zentrale Stelle von Vertrauenswürdigkeit; denn jedes mal, wenn ebendiese Technologie vorgeschlagen wird, basiert die Nennung entweder auf akut verlaufender »Buzzworditis« oder ist, und das wäre deutlich beunruhigender, ein demoralisierendes Eingeständnis, dass die glaubwürdige Abwicklung von Prozessen nur aus einer selbstreferenziellen Kontrolleinheit heraus stattfinden dürfte. Ich sage es kurz und knapp: wer Blockchain will, der vertraut nix & niemandem. Und mit dieser paranoiden Partikelbelastung in einer sonst gesellschaftsformenden Atmosphäre, wie es unter anderem Politik und Wirtschaft sind, kann keine menschenfreundlichere Gesellschaft zustande kommen.

Der Eigenvergleich mit Silicon Valley, in dessen Flughöhe NRW aufsteigen will, hinkt bis zur kompletten Erlahmung: NRW fehlt (ganz abgesehen von der dazu nötigen Infrastruktur) die posthumanistische Philosophie der Abgeklärtheit und die kompromisslose, fetischartige Liebe zur Wissensgesellschaft. Wir haben stattdessen Blockchain und Currywurst [^1]. Das ist auch okay so, darf aber nicht unerwähnt bleiben.

Auffällig und stutzigmachend ist das Zitat: "Unsere Schulen sind digital hervorragend ausgestattet und vermitteln den Kindern mehr als nur die Anwendung digitaler Medien. Sie schaffen Experimentierräume und fördern das Begreifen digitaler Technik, sorgen aber auch für die nötige Sensibilität gegenüber Risiken und Gefahren. Diese Medienkompetenz versetzt unsere Kinder in die Lage, sich aktiv, selbstbestimmt und umsichtig in der digitalen Welt zu bewegen." (s.8)
Ich habe nicht ansatzweise die intellektuelle Begabung zu erklären, wie man diesen Euphemismus dekodieren könnte - was mich zu der Annahme veranlasst, diese Aussage eben nicht als Euphemismus aufzufassen, sondern schlichtweg als Falschbehauptung (Beweisstücke A, B, C - sowie alle Darauffolgenden - entnehmen Sie bitte den Anekdoten Ihrer Kinder).

Wir als Gesellschaft mussten jahrelang dabei zusehen, wie politische Entscheidungen und Nichtentscheidungen die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnete, und politische Entscheidungsträger sich in wirtschaftsfördernden Duftwolken an der Klinge vieler Cluster außerordentlicher Finanzstärke glattschmirgelten und profilierten, ohne, dass die notwendige Hemmung einer Eskalationsspirale der Ungleichverteilung in Angriff genommen wurde. Wenn wir in Sachen Digitalisierung & Digitalkompetenz, durch einseitige Wirtschaftsförderungsmaßnahmen, eine weitere Schere zwischen »akademisch abgehängt« und »infrastrukturell hochgefördert« installieren, beraubt das einer zukunftsmutigen Gesellschaft ihre Möglichkeitsräume von Egalität und Gerechtigkeit, wofür Digitalität seit ihrer Kreation einsteht. Digitaler Raum ist aus Konzepten entstanden, die allesamt gestaltungswillig, beteiligungsfreundlich, gleichberechtigend waren und sind.

Warum die gestelzte Bemühung um die digitale Transformation?
Der Daseinszweck dieser Digitalstrategie wird sich höchstwahrscheinlich in der Rechtfertigung von Förderprogrammen für die Wirtschaft erzeigen. Diese Gewichtung ist einseitig und wird keinen langfristigen Erfolg haben. Marktwirtschaft ist ad hoc, aufgrund ihres Wachstumshungers, in einem permanenten Modus der Assimilierung neuer Technologien. (Und wenn auf Seite 11 erwähnt wird, dass gerade kleine Unternehmen weniger effektiv digital aufgestellt sind, offenbart dies nur das (Problem), dass wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeiten zu eng an Verhältnissen der Finanzstärke geknüpft sind - anderes Thema.) Beispiel: es ist ein realistisches Szenario, anzunehmen, dass (irgendwann in Zukunft) die Cookies, die man beim Besuch der Internetpräsenz einer Keksfabrik in den Browser gelegt bekam, durch Dynamic Pricing die Nachspeisenbestellung beim Lieferservice verteuern. Um es kurz zu machen: Märkte werden immer Kreativität darin zeigen, Technologie zu monetarisieren. Märkte brauchen diesen vor makroökonomischen Seitenböen behütenden Rückenwind bedeutend weniger als Bürgerinnen und Bürger selbst.

Mein Vorschlag: nehmen Sie 80% des in Gedanken schwebenden Volumens zukünftig angedachter Förderprogramme, und stecken Sie diese in die Bildung. Digitalisierung ist ein Stärkungsmittel der Demokratie - denn nur eine Gesellschaft, in der alle technisch möglichen Beteiligungsprozesse offenstehen, kann sich dem Wohl Aller verschreiben. Nur, wenn der digitale Wandel von der Bevölkerung mitgetragen wird oder sogar von ihr ausgeht, in einem biologisch anmutenden Entfaltungsprozess, kann es vorwärts Richtung Zukunft gehen. Die Politik im Zweckverbund mit der Wirtschaft mögen sich als eingespieltes Team begreifen, aber schlagkräftiger in Sachen Progressivität ist eine gesamte Bevölkerung.

Wir haben hier nun mal die unleugbare Situation, dass die innerhalb der Aufmerksamkeitsökonomie um Konsens, Gefälligkeiten und Selbstwirksamkeit ringende »Politik« nicht kompatibel ist zu der »Technik«, die hardwareseitig zu evolutionär inspirierten Verdrängungsmechanismen & softwareseitig zu maximaler Territoriumsmaximierung neigt. Politik und Technik (Technik auch in der Spielart Informatik, wohlgemerkt) sind verschiedene Universen, die in einer Vergesellschaftung durch Alltäglichkeit zusammenwachsen müssen. Es gibt nicht die eine Formel, irgendwo Geld hinzuwerfen und zwei Tage später unter der Einwirkung guten Zuredens einen funktionierenden Server zu erwarten.

Deswegen kann digitaler Wandel, selbst unter ungesunden Verrenkungen von Seiten der Politik, nicht einfach ausgelöst werden, sondern ist ein inklusives, kreativ unterfüttertes Gesellschaftsprojekt, das aus Bildung und Möglichkeiten heraus erwächst. Und eben darum kann die Digitalisierung nur erfolgreich vonstatten gehen, wenn Menschen explizite Bildung dahingehend genießen. Praktisch formuliert: Informatik braucht eine größere Relevanz in den Schulen - und zwar vermittelt von Personen, die das Handwerk der Datenverarbeitung verstehen. Oder, um es skurril zu überspitzen: In einer Realität, in der es nicht mal 2 min dauert, den JavaScript-Code eines funktionierenden Taschenrechners zur Einbindung in eine HTML-Seite aufzutreiben [^2], ist es ein Verrat an jeder Verhältnismäßigkeit, Kinder über die gefühlte Dauer einer Drittel Pubertät mit Bruchrechnen beschäftigt zu halten. Packen wir stattdessen lebendig erzählte Informatik in die Penetranz der bildungsbürgerlichen Festgefahrenheit. Unsere Kinder und Jugendlichen brauchen dringend lebensnahe Digitalkompetenz, sollten Grundsätze der Informatik instinktiv nachvollziehen können, sowie die Potenziale, Chancen und Gefahren selbstlernender Algorithmen kennen. (Und treiben Sie bitte Lehrerpersonal auf, das kompetenter ist als ein durchschnittliches Scriptkiddie.)

Auf Seite 14 liest man den Satz: "Im Wettbewerb mit anderen Ländern und Regionen ­besitzt Nordrhein-Westfalen den Vorteil, in einem dicht besiedelten Raum 18 Millionen potenzielle Kundinnen und Kunden [...] zu bieten". Diese Argumentation denkt vom finanziellen Aspekt her. Kapital, jedoch, ist ein Stoffwechselprodukt der Zivilisation (vgl. P. Bourdieu) - und der eigentliche Fokus jeder Politik sollte von dem »Medium der Zivilisation« her denken, den Menschen. Deswegen lege ich die weitaus größere Gewichtung auf die digitale Bildung.

Da ich mich ohnehin in meiner Perspektive des moralisierenden Mahners in einer randständigen Position befinde, möchte ich zum Abschluss noch folgende Angelegenheit auf's Tableau legen, die zumindest das Thema Digitalisierung streift, und beziehe mich auf das Dokument "Erster Arbeitsentwurf JMStV für Fachgespräche (Stand 21. April 2020)": §12b (2) 1 kann dahingehend ausgelegt werden, Betriebssysteme dazu zu verpflichten, Inhalte, die unter 18-Jährigen nicht zugänglich sein sollen, mit technischen Mitteln aus der Zugänglichkeit zu entfernen. Ganz abgesehen davon, dass dadurch den EntwicklerInnen freier, quelloffener Software und Betriebssysteme eine ungeheure juristische und technische Bürde aufgelastet wird, wird hier auch eine ständige Auswertung von virtuellen Tätigkeiten erzwungen, die durchaus das Potential hat, die Integrität des Rechts auf Datensicherheit zu zersetzen [^3].

Endnoten:
[^1] Die herbeiargumentierte "digitale Gründerzeit" ist das aus mangelndem Einfallsreichtum synthetisierte Wunschdenken, nach fast zwanzig Jahren, in denen amerikanische Unternehmen über 79% des Cloud-Marktes (und damit auch geschäftskritische Anwendungen und digitale Infrastruktur) bereitstellen, ein Teil des Post-Dotcom-Bubble-Kuchens zu erhaschen. ...Das ist nun mal der Preis dafür, dass in NRW in seiner Vergangenheit lieber Strom in unermesslicher Menge durch Hochöfen presste, statt von Prozessoren modulieren zu lassen. Das kann man einfach mal so akzeptieren und die Wertung darüber den Geschichtsbüchern überlassen. Aber gerade deswegen führt der Weg in eine gute, digital zufriedenstellende Zukunft nur über Menschen, nicht über Märkte.
Quelle zu der obigen Angabe von 79%: https://www.visualcapitalist.com/stats-amazon-dominance-cloud/

[^2] selbst nachgeprüft!

[^3] Quelle: https://spielerecht.de/wp-content/uploads/01_Anlage-1-2020-04-21_-JMStV-mit-neuem-Pflichtenregime_2.pdf